Freitag, 8. November 2019

Schwarzes Glas



Panische Angst steigt in mir hoch und scheinbar erfolglos kämpfe ich gegen sie an.

All meine Sinne sind geschärft und in Alarmbereitschaft. Die Angst wird durch den animalischen Geruch, der mir in die Nase steigt und sich seinen Weg erfolgreich bis in meinen Magen sucht, nur noch verstärkt.

Das überaus bedrohliche Schnauben verursacht Gänsehaut am ganzen Körper, jedes meiner Haare ist aufgestellt und wie Fühler sucht jedes Einzelne davon nach einem Ausweg. Doch für ein Weglaufen ist es schon zu spät. Meine Beine wollen oder können sich nicht mehr in Bewegung setzen.

Der warme Atem bläst mir in schnellen Stößen entgegen, kommt immer näher. So nah, dass meine Augen blinzeln müssen. Schnell schließe ich sie, als ob ich damit die Gefahr bannen könnte.
Die Sekunden werden immer langsamer, wie, wenn sie sich durch Schlamm kämpfen. Mein Herz dagegen rast so schnell, dass es in meinen Ohren zu rauschen beginnt - bis … ja, bis die Welt auf einmal stehen zu bleiben scheint.

Das Schnauben wird ruhiger, und obwohl so nah an meinem Gesicht, komischerweise leiser. Der Atem, vorher wie suchend immer näher kommend, bleibt vor meinem Gesicht stehen und nun scheint es tatsächlich so, als streichele er meine Wangen.

Mutig, gepaart mit etwas Neugier auf das, was nun passieren wird, öffne ich einen Spalt weit mein Auge und entdecke etwas, was ich zu vor noch nie gesehen habe. Ich blicke in ein schwarzes, tiefes Dunkel hinein. Zuerst erkenne ich nur kleine weiße, wunderschöne Sterne. Das Tageslicht scheint sich genau wie ich in dem glasigen Dunkel verfangen zu haben.

Paradox ist, dass mir diese tiefe Finsternis, in die ich blicke, ein Gefühl von riesiger Weite vermittelt. Und dann entdecke ich mich im Spiegelbild. Ich schaue, in einer schwarzen Glaskugel gefangen, auf mich selbst und spüre, dass ich keine Angst zu haben brauche. In dieser Kugel scheine ich mich geborgen und sicher zu fühlen, aufgehoben und beschützt.

Noch nie zu vor hat wahrscheinlich eine Glaskugel so viel wahrgesagt über mich wie in diesem Moment jene Schwarze. Ich sehe, wie man Angst überwinden kann. Ich sehe, wie ich für einen Augenblick das Leben in mir und um mich herum spüre. Ich vertraue und gleichzeitig verstehe ich, dass Schwarz nicht immer düster ist und Dunkelheit nicht immer Leere bedeutet. Und überhaupt, und vor allem … ICH SEHE MICH.

Wohlige Wärme strömt durch meinen Körper bei dem Anblick meiner Selbst, so aufgehoben in diesem schwarzen Glas.
Ach ja, falls es jemand wissen möchte, meine Urlaubsbekanntschaft heißt Max. Von diesem Moment an habe ich ihn jeden Tag besucht, meine Hand an seinen Hals gelegt und ihm dabei tief in die Augen geschaut.




Montag, 3. Juni 2019

Der Boden schwankt unter meinen Füßen ...


Der Boden schwankt unter meinen Füßen, ich finde keinen Halt. Alles ist so fremd und es fühlt sich irgendwie so unwirklich an. Starr vor Angst sitze ich da, bewege mich keinen Millimeter.

Aus respektvoller Entfernung heraus beobachte ich die Anderen. In meinen Augen wuseln sie ziel- und planlos, um nicht zu sagen sinnlos, hin und her. Sie bemerken mich nicht, rastlos geben sie sich einem Treiben hin, dessen Sinn ich nicht verstehe.
Der Wunsch dazu zu gehören, wird stärker. Leider nicht so stark, um wenigstens nur einen kleinen Schritt auf sie zuzugehen. 

Nun werde ich doch entdeckt, denn jemand kommt aus der Gruppe auf mich zu. Vor mir stehen bleibend fragt er mich völlig ungezwungen: „Hey, wir wollen weiter ziehen. Willst du mitkommen?“

Ähhhhh, denke ich nur und habe sofort tausend Fragezeichen in meinem Kopf. Und im selben Augenblick antworte ich schon: „Ja aber wohin wollt ihr denn?“
Er schaut mich völlig erstaunt an, als wenn ich von einem anderen Stern komme. „Jaaaaaaaabeeeer … was ist denn das für ein Wort? Was bedeutet das? Du kommst wohl nicht von hier? Und wieso fragst du denn, wo wir hin wollen. Ist doch völlig unlogisch so eine Frage, dass weiß man doch immer erst, wenn man gestartet ist …“

Sein Erstaunen über meine Worte hielt immer noch an. Davon abgesehen denke ich mir auch so meinen Teil über seine Worte. Mein Gott, so schwer von Begriff kann man doch gar nicht sein, ich rede doch nicht marsianisch oder so. Wieder verfange ich mich in meinen Grübeleien und frage mich wie so oft, warum die Anderen mich scheinbar nie verstehen.

„Na ja, ich mach dann mal  ‘nen Abflug!“ ruft er mir mit dem unnachgiebigen Beweis in den Augen, dass er nicht so recht was mit mir anzufangen weiß, zu.
Bei den anderen angekommen, schwirrt er von einem zum anderen und immer wieder weht der Wind mir ein leises Kichern zu. Und meine eigenen Worte schallen mir in den verschiedensten Stimmen wie ein Echo entgegen.

„Jaaaaaaaabeeeer …“   „Jaaaaaaaabeeeer …“ „Jaaaaaaaabeeeer …“ „Jaaaaaaaabeeeer …“

Echt jetzt, denke ich, machen die sich gerade lustig über mich? Es ist zwar kein böses, gehässiges, Kichern, das höre ich schon heraus. Aber weh tut dieses Gefühl, ausgelacht zu werden, trotzdem.
Nun sitze ich also wieder da und weiß nicht wohin mit mir. Hilflosigkeit macht sich in mir breit. Und dann sehe ich aus den Augenwinkeln heraus ihn. Nur einen Flügelschlag entfernt von mir muss er mich schon eine Weile beobachtet haben, denn als ich zu ihm rüber schaue, lächelt er mir freundlich entgegen.

„Nimm’s ihnen nicht übel“, spricht er mich an. „Wir kennen dieses Wort halt wirklich nicht.“
Ein „mhhh“ kommt von mir. Mehr weiß ich in diesem Moment nicht zu sagen. Irgendetwas stimmt hier nicht, rattert es in meinem Gehirn, das kann doch wohl alles nicht wahr sein.

„Wie bitte?“ Ich hatte seine Frage nicht gehört und bat um Wiederholung. Auf seine Frage, warum ich mit den Anderen nicht mitgezogen bin, sprudelten die Worte nur so aus mir heraus.

„Das geht nicht“, antworte ich voller Inbrunst. 
„Ich muss noch die Beete machen …“
„Und der Rasen muss noch gemäht werden …“
„Und Mittagessen muss ich noch kochen …“
„Die Waschmaschine ist auch gleich fertig, da muss ich noch ….“

Immer mehr ist mir eingefallen, was ich noch alles müssen muss. Die Augen meines Zuhörers werden bei meiner Litanei immer größer, ich verstumme und schaue ihn auffordernd an.

„Was bedeutet dieses Wort MUSS?“ fragt er in die Lücke meiner Worte.

Das weiß er nicht? Oh mein Gott, ich falle gleich vom Glauben ab. Ich weiß nicht, wie ich ihm das erklären soll und wirke  innerlich leicht angesäuert. Kurz angebunden und schon leicht schnippisch frage ich ihn dann: „ Bei uns ist das eben so, was ist denn bei euch so anders, häää?“

„Na ja!“ Ich merke, wie er nach Worten sucht, um mir sein Leben verständlich zu erklären. Ich wette, er denkt gerade das Selbe über mich, wie ich über ihn und kann mir ein kleines inneres Lächeln nicht verkneifen.

„Also wir genießen das Leben, was uns geschenkt wurde. Wir besitzen nichts und müssen, mit deinen Worten gesprochen, deshalb auch nichts müssen.“
„Wenn die Sonne scheint, wärmen wir uns an ihren Strahlen und spielen Duft-Rätselraten.“ Meinen fragenden Blick bemerkend erklärt er:
„Wir versuchen die Düfte in der Luft herauszuriechen und wer es als erster richtig erraten hat, der hat gewonnen.“

Innerlich rollen meine Augen gerade Karussell. Wo bin ich hier nur hingeraten, sind meine verzweifelten Gedanken. Der Begriff ‚Ich verstehe die Welt nicht mehr‘  hat auf einmal eine noch viel höhere Dimension gefunden.

Ups, ich grüble schon wieder.

„…stolz, dass wir alle unterschiedlich aussehen und bewundern gegenseitig unsere uns eigenen Merkmale, die uns zu etwas ganz Besonderem machen.“

Oh, zum Glück habe ich seinen letzten Satz noch mitbekommen, aber um ehrlich zu sein, so richtig begreifen kann ich dessen Inhalt nicht. Also wenn meine dicke Nase mich von den anderen unterscheidet, dann bin ich keinesfalls darauf stolz, ganz im Gegenteil. Und das jemand anderes meine dicke Nase auch noch als bewundernswürdig erachtet, na das kann ich ja nun wirklich nicht glauben.

Man, ich schweife schon wieder ab. Gerade hat er mich gefragt, ob ich es nicht auch einmal versuchen möchte. Wie, was möchte ich versuchen? Mein Gehirn beantwortet mir meine Frage gleich selber. Ich soll es also so machen wie sie!
Leise, fast beschämt, antworte ich ihm: „Ich weiß nicht, wie das geht!“ Worauf er mich traurig, na ja, sagen wir mal mitleidig, anschaut.

„Erst einmal schließt du deine Augen!“ weist er mich an.
„Und dann versuche die Sonne auf deiner Haut zu spüren. Spüre, wie sie dich wärmt und umarmt.“
„Beobachte, wie der Wind deine erhitzte Haut streichelt und versuche, die verschiedenen Sommerdüfte aus der Luft zu filtern.“
„Und dann, wenn du dich so richtig frei von allem fühlst, dann breite einfach deine Flügel aus und flieg …“


Bin ich etwas eingeschlafen? Eingenickt auf meiner Liege im Garten? Tatsächlich. Und ich glaube, ich habe sogar geträumt, kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Müde schließe ich noch einmal wohlig meine Augen und bemerke, wie der Wind über meine durch die Sonne aufgewärmte Haut streichelt. Es riecht nach Sommer, für einen Moment fühle ich mich so wohl und entspannt.
Ich öffne meine Augen wieder. Mein noch verschlafener Blick geht zu den Lavendelbüschen in meinem Garten hinüber. Den aromatisch-blumigen Duft dieser Lavendelbüsche in der Nase habend beobachte ich die vielen Schmetterlinge, die von einer Blütenrispe zur nächsten flattern.
Es sieht aus, als wenn dies ziel- und planlos geschieht. Aber irgendwie ganz tief in meinem Inneren spüre ich, dass dieses Hin und Her einen Sinn hat, einen tiefen, ganz wichtigen Sinn und ich beneide sie um ihr Treiben.

Ein „Ja, aber ich muss noch …“ will mich von der Liege aufjagen, doch ich falle mit einem „was soll’s“ zurück.

Und ich schaue wieder auf die Schmetterlinge und denke nur, wie schön es wäre, sich so richtig frei zu fühlen und mal einfach so seine Flügel auszubreiten um los zu fliegen …

Sonntag, 14. April 2019

Ein ganz normaler Sonntag …









Ich stehe im Garten. Es ist kalt - verzeiht mir meine Ausdrucksweise, es ist arschkalt. Der eisige Wind versucht sich durch meine gefühlt viel zu dünne Jacke zu kämpfen. Und auch wenn ich meine Arme fest um mich selbst schlinge, er hat gewonnen und verursacht bei mir eine Ganzkörper-Gänsehaut.

Und still ist es im Garten, viel zu still, ungewöhnlich still.

Weiße Flocken bedecken die Wiese und ich werde bei diesem Anblick wehmütig. Denn es sind nicht diese „ich strecke die Zunge raus und lass sie schmelzen-Flöckchen“. Nein, die Blütenblätter unserer Obstbäume weht der Wind auf den grünen Boden.

Ein Zeichen dafür, dass die Ernte im Herbst wohl nicht besonders ertragreich werden wird.  Und jetzt kann ich auch die empfundene Stille deuten. Es fehlt das Gezwitscher der Vögel und es fehlt noch etwas anderes. Nämlich das Summen der Bienen in den Obstbäumen. Nichts davon ist zu hören, viel zu kalt ist es für sie.

Die Obstblüte, sonst genug Nahrung für die Bienen, die kaum noch etwas finden in diesen fast sterilen Gärten, sie ist schlagartig vorbei.

Dieser Anblick macht mein Herz schwer, ich verschwinde schnell in die kuschelig, warme Wohnung und hülle mich auf dem Sofa ein in meine flauschige Decke. Schlimme Träume lassen mich nachts oft nicht schlafen und so tut es gut, den geraubten Schlaf nach dem Mittag nachzuholen.  Mein Kätzchen ist dankbar dafür, denn sie liebt es ebenfalls, zwischen meinen Beinen eingemummelt dem Mittagsschlaf zu frönen.

Mein Mann schaut Fußball. Für mich (liebe Fans unter euch, lasst Gnade walten) ist das ein perfektes Einschlafmittel und sehr schnell schon höre ich die Geräusche aus dem Fernseher von weit entfernt, wie aus einer anderen Galaxie.


Eine warme weiche Hand streichelt über mein Gesicht und bis ich merke, was los ist, denke ich nur: „Scheint mal ein schöner Traum zu werden …“

Aber ich träume nicht, langsam dämmert es mir und ich mache die Augen auf. Vor mir steht mein Enkel, noch komplett eingehüllt in Jacke, Mütze und Schal. Unsere Blicke treffen sich. Ich reiße meine Arme hoch und strecke sie ihm entgegen und er stürzt sich ungestüm in sie hinein. Mit schmutzigen Straßenschuhen, was mir in diesem Augenblick total egal ist, liegt er nun komplett auf mir. Mein Kätzchen hat schon längst das Weite gesucht.
So ineinander verschlungen genießen wir diesen Augenblick. In diesem Moment weiß ich, dass er meine Liebe zu ihm spürt, denn ich spüre seine zu mir auch.

„Omaaaaaa, hast du noch was vom Mittag übrig, ich hab noch Hunger!“ flüstert er mir ins Ohr. „Na klar!“ antworte ich, „magst du Fischstäbchen mit Kartoffelbrei?“
Mit einem „oh jaaaaa“ wälzt er sich von mir runter und im Gehen kommt noch die Frage, auf die ich immer warte, wenn er das Wort Fischstäbchen hört.
„Bekomme ich auch wieder Bananenscheiben auf die Fischstäbchen drauf?“ ruft er mir beim Schuhe ausziehen zu.
„Natürlich, mein Sonnenschein, alles was du möchtest …“ antworte ich aus der Küche, in der ich schon fleißig am rumwuseln bin.


Ein ganz normaler Sonntag? Wohl eher nicht …

Mittwoch, 3. April 2019

Arktur - der, der mit den Bären jagt

Arktur ist es, über den ich erzählen möchte. Ein junger Mann von niederer Herkunft, denn sein Besitz waren nur Bären und sein Gefolge waren nur Hunde.

Er verliebte sich in ein wunderschön anzuschauendes Mädchen, auch sie spürte die innige Verbundenheit zwischen ihnen. Sie trafen sich heimlich, denn ihr Vater würde dieser Verbindung nie zustimmen. Ihre Liebe wurde so stark, dass sie sich bald ewige Treue schworen.

Die traute Zweisamkeit hielt nicht lange an. Ihr Vater kam hinter ihr Geheimnis. Er war erbost über den Ungehorsam seiner Tochter und voller Wut verbannte er sie. So weit weg, dass Arktur sie nicht finden konnte. Das junge Mädchen weinte gefangen in der Dunkelheit. Sie konnte nicht fliehen, stets wurde sie von den Löwen ihres Vaters bewacht.

Aber auf Grund ihrer großen Liebe zu Arktur gelang es ihr, mit einem verzauberten Ährenkranz dem Liebsten ein Licht zu senden. Als er ihr Herzenslicht entdeckte, beschloss er, sie in der Abgeschiedenheit des Dunkels zu suchen und folgte ihr in die Nacht.

Seine Jagdhunde hetzen nun schon seit tausenden von Jahren die Bären durch Lichterstrahlen, Dunkelheit und Nebel - nur um einen liebevollen Blick auf sie zu werfen oder den ihren zu erhaschen.




Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut doch hoch in die Sternennacht und sucht nach dem Sternbild Bootes, auch genannt "der Bärenhüter". Dort werdet ihr Arktur's Herz entdecken, welches voller Liebesqual blutend leuchtet, begleitet von seinen Jagdhunde und Bären. Und schaut ihr weiter, erspäht ihr auch die von ihm angebetete Jungfrau, bewacht von des Vaters Löwen ...

Freitag, 1. März 2019

Mein Dom ...


Tritt ein in den Dom, durch das herrliche Portal ...

Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, alle verrückten Tage einmal.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in deinen staubigen Schuhn.
Tritt ein in den Dom.
Ohoh - tritt ein ... ein paar Minuten zu ruhn.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, kleiner Mensch tritt ein!
Hier umfängt dich die Stille, jede Pupille wird weiter.
Riesig wird jede Pupille
und erstrahlt in den Farben der Fenster.

Weiter wird jede Brust.

Hier atmet man Größe.
Größe atmet man hier.
Den Dom haben Menschen errichtet,
den Dom haben Menschen errichtet.

Tritt ein in den Dom, den Schritten das Schreiten zu lehren.

Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, die Größe des Menschen zu ehren.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein und schüttle ab die Hastigkeiten.
Tritt ein in den Dom.

Ohoh, tritt ein ... zähl in Jahrhunderten die Zeiten.

Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, kleiner Mensch tritt ein.
Tritt ein! Tritt ein in den Dom!

Tritt ein in den Dom durch das herrliche Portal ...


Wenn ich Glück habe, dann kennst du dieses Lied der DDR-Band „Electra“. Genauso gut kann es aber auch sein, dass dir dieses Lied völlig unbekannt ist.
Der Dom?!
Ein gewaltiges, mächtiges Wort  -  aber auch eine Metapher, eine Symbolik … und für jeden von uns mit einer anderen Bedeutung verbunden.
Sicher, in erster Linie denken die meisten an ein Gebäude, ein kirchliches Gebäude – und Punkt. Aber ist es das? Ist es das für alle?
Setzt man sich nämlich mit den Gefühlen, die dieses Wort in jedem Einzelnen von uns auslösen, auseinander, dann entdeckt man auf einmal, dieses Wort bedeutet sooooo Vieles mehr …
Auf einmal kann der Dom zu einer schlichten Badewanne werden, in der man einfach nur zur Ruhe kommen will. Für andere wird der Dom zum Arbeitsamt, welches voller Angst und Unterwürfigkeit betreten werden muss.
Wiederum für andere wird der Dom vielleicht zur Gartenlaube, in der man in völliger Abgeschiedenheit seinen Gedanken nachsinnen kann, um wieder zu sich selbst zu finden.
Ein Buch kann auf einmal zum Dom werden oder ein verschwiegener stiller Ort am, von anderen längst vergessenen, Angelteich. Auch zu einer illegalen Müllhalde kann er werden, wo  Menschen ihren Müll ablegen, ohne dafür jegliche Verantwortung zu übernehmen.
Der Dom kann zu einem engen Freund werden, zu einer Pilgerreise, zu einem Foto von einem lieben, längst schon verstorbenen, Menschen.
Heute möchte ich dich einladen, mit mir zusammen das „herrliche Portal“ zu durchschreiten um einzutreten in meinen neu entdeckten „Dom“.
Magst du mit mir auf die Reise gehen? Dann lass dich an die Hand nehmen und komme mit.

...

Du läufst am Bahndamm entlang und deine Schritte hallen einsam über die Pflastersteine. Über die Hinterhöfe hat sich still die Abenddämmerung wie ein schwerer Nebel gelegt. Dein Weg führt Richtung Altstadt. Und dort, wo sonst tagsüber die betriebsame Hektik des Alltags herrscht, ist friedliche Ruhe eingekehrt.
Vereinzelt ist ein Schaufenster kalt und neonklar erleuchtet und preist seinen Inhalt an. Die Geschäfte sind schon geschlossen und so fällt es dir sehr leicht, loszulassen von diesem ständigen  Haben-Müssen.
Dein Blick streift weiter und bleibt hängen an viel kleineren Fenstern, die zwar nicht so strahlend hell erleuchtet sind, dafür aber mit sanften, kleinen, warmen Lichtern auf etwas Anderes, etwas Unbekanntes, etwas Geheimnisvolles hinweisen. Deine Neugierde ist geweckt.
Was deine Augen durch die Fenster erhaschen können, ist nicht viel, doch genug, um zu wissen, dass da drinnen in den Räumen ein Abenteuer auf dich wartet. Etwas, was nicht der Normalität entspricht. Schon in diesem Augenblick wird dir bewusst, wie sehr du dich danach sehnst, nach diesem „nicht der Normalität zu entsprechen“, denn von dem ganzen „Normalem“ was dich umgibt, hast du eindeutig schon genug, weil es dich ständig einzwängt.
Eine schwere verschlossene Holztür fordert dich auf, sie zu öffnen um endlich einzutreten.



mein Foto

Als erster Eindruck empfängt dich der Geruch. Nicht modrig, alt – aber auch nicht nach klinischer Reinheit riecht es. Dieser Geruch ist dir fremd. Ein Hauch von Holz, Rauch und Feuer steigt dir in die Nase. Und es riecht nach Farbe, nicht nach steriler, langweiliger Anstreichfarbe, nein, es ist ein anderer Geruch. So, als würde man Farben riechen können, ohne sie zu sehen.
Mir geht es manchmal so ähnlich, wenn ich frisch aufgebrühten Kaffee rieche. Plötzlich sehe ich die mokka-braune Farbe vor meinem geistigen Auge. Aber nicht nur das, auch die dazu gehörigen Gefühle durchströmen mich in so einem Moment. Dieses Gefühl von „endlich Feierabend“, dieses Gefühl von „gemütlichem Beisammensein“, dieses Gefühl von „morgendlicher Stille“.
Geht es dir auch manchmal so?
Also du riechst diese Farben, du riechst das Bunt, welches sich noch vermischt mit sanften, kaum spürbaren, fruchtig-orientalischen Düften.
Alles in Allem sind es fremde Gerüche, genauso wie die Klänge, die deine Ohren umschmeicheln. Angenehme Klänge. Keine Musik, die im Radio den ganzen Tag hoch und runter leiert. Sie werden auch nicht unterbrochen durch Werbung, die aggressiv dein Gehirn martert. Klänge, die deinen Körper innerlich hin und her wiegen, so wie es passiert, wenn dich zwei liebende Arme umfassen.
Deine Augen allerdings haben das Gefühl, vor lauter Eindrücken erst einmal überfordert zu sein. Sie wissen überhaupt nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen. Ein entspanntes Verweilen kommt vorerst nicht zustande.
Vor lauter optischen Inputs wünschten sich deine Augen am liebsten zu fünft oder sechst zu sein. Nun ja, das ist auf die Schnelle nicht zu bewerkstelligen, aber mit etwas Zeit gewöhnen sich deine Augen bestimmt an das scheinbar gewollte Chaos der Eindrücke. Genau die Zeit, die deine Augen benötigen, wenn sie sich an die Dunkelheit gewöhnen müssen.
Und nach einer Weile stellst du fest, kein ungewolltes Chaos ist es, was dir entgegen springt. Eher eine Art von gewollter Unordnung. Viele kleine Dinge, die wie unachtsam abgelegt wirken, doch trotz allem sofort erkennen lassen, welche Bedeutung sie haben oder einmal hatten.
Dir fallen die Augen auf. Nicht die Augen der Künstlerin, nein. Es sind die vielen Augen, die dich aus den Bildern heraus beobachten.
Aber bleiben wir doch vorerst bei den Augen der Künstlerin. Denn diese halten dich mit ihrer Tiefe gefangen. Sie erzählen von Dingen, über die der Mund nicht sprechen mag. Sie erzählen von Dingen, die einmal großen Schmerz verursacht haben, von Tränen erzählen sie, die fließen, auch wenn sie niemand sieht.
Von einer enormen Kraft berichten sie dir, die nötig wurde, um über die vielen Steine, Klippen und Schluchten zu springen, bis die Seele dort angekommen ist, wo sie hingehört.
Für die Augen, die dich aus den Bildern heraus beobachten musst du dir Zeit nehmen. Betrachtest du sie eine Weile und versinkst in ihnen, dann kannst du dich im Irrgarten deiner Gefühle schnell verlaufen. Diese Blicke, die auf dir ruhen, sie stellen dir so viele Fragen und gleichzeitig stellen sie so viel in Frage. Sie geben dir Rätsel auf über dich selbst und wenn du lange genug in ihnen ruhst, geben sie dir vielleicht auch ein paar Antworten.
Im hinteren Raum, eine ehemalige Backstube, werden heute Geschichten aus 1001-Nacht vorgelesen. Die Stimme der Vorleserin hat einen leichten Dialekt, aber das stört dich nicht. Die Erzählerin wirkt dadurch irgendwie authentischer und hilft dir, dich nicht allzu fremd zu fühlen.
Du hörst ihr zu und vertiefst dich in fremde Sitten und Bräuche, in alte Geschichten und wirst zurück in deine Kindheit versetzt.
Manche Textpassagen lassen erkennen, wie sehr die Erzählerin gerade diesen einen Satz, diese eine Zeile liebt und du lässt dich anstecken von der Begeisterung, von dem Geheimnisvollen dieser Geschichte.
In der Pause haben sich deine Augen schon an das stimmungsvolle Schummerlicht gewöhnt und nun gehen deine Blicke nochmals auf Entdeckungsreise. Ein gemaltes männliches Gesicht, versteckt hinter einem drapierten Tuch lässt dich neugierig werden. Oder eine Muschel, die wie verloren auf dem Tisch liegt. Du bewunderst die geflochtene Wäscheleine, die jetzt wie ein schweres Tau an der Wand hängt …
Jedes einzelne Detail kommt jetzt klar und deutlich bei dir an und lässt dich in jedem einzelnen Moment gedankenverloren innehalten.
Als das vorgelesene Märchen zum Ende kommt und die Gäste sich aufs Heimgehen vorbereiten, hast du das Gefühl, dass alle ein wenig langsamer, gelassener geworden sind und auch bei dir hat sich diese Gelassenheit eingestellt.
Deine Schritte auf dem Heimweg hallen wieder einsam über die Pflastersteine. Aber sie sind nicht einsam, jetzt werden sie begleitet von einem warmen Wohlgefühl, einer leichten Beschwingtheit von dem Wissen, dass es doch wirklich auch schöne Dinge im Leben gibt …


Foto von Sandro Schneider


...


Verstehst du jetzt, wie gern ich durch das herrliche Portal schreite? Kannst du nachvollziehen, dass ich meinen Dom gefunden habe?

Und dein Dom? Hast du ihn schon gefunden oder bist du noch auf der Suche?

Donnerstag, 7. Februar 2019

die Kunst, von einer Schneeflocke zu lernen ...



Wochenlang war es nun schon ein Winter, wie er trüber nicht sein kann. Stumpf, farblos und nass. Kein einziger Sonnenstrahl konnte die Mauer aus Wolken, die einem Klumpen aus feuchtem Filz ähnelten, durchbrechen.

Und dann kam endlich das, was man im Allgemeinen als Winter bezeichnete. Es schneite dicke, flauschige Schneeflocken. Sie fielen sanft. Schlagartig wurde die Welt ein bisschen stiller, ein wenig ruhiger, etwas friedlicher. Ihre Chance spürend, kämpfte auch die Sonne sich nun sogleich durch die aufgerissene Wolkenfront.

Ich stand da, mit geschlossenen Augen und streckte mein Gesicht der Wärme entgegen.

Geduldig, mit einer mir unbekannten, seltsam anmutenden Gewissheit, dass mich jeden Augenblick eine Schneeflocke streicheln würde.
Wie ein unbedarftes Kind, voller Erwartung auf das kleine Weltenwunder.

An meinen Halswirbeln  spürte ich sofort, wie selten ich doch meinen Blick auch mal nach oben wandte. Zu oft, viel zu oft ziehen sorgenvolle Gedanken den Kopf nach unten.

Mir schoss plötzlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen wieder eine Textpassage  aus einem Lied meiner Jugend von Veronika Fischer durch meinen Kopf.

Die Textzeile lautete:  „ … käm ich auf die Stirn dir so schwer. Das die Wärme deiner Haut mich aufgetaut. Und ich fließ durch dein Gesicht, tränengleich und wie ein Spiegel klar …“

Und ich dachte nur so bei mir, dass jemand beim Schreiben dieses Textes bestimmt ebenso das Gesicht gen Himmel gestreckt hat um auf die erste Schneeflocke zu warten, die dann schwebend tänzelnd auf der Stirn ihren letzten Platz fand, ebenso, wie es gerade bei mir geschieht.

Das kleine kühle Nass ist zu spüren und die Stelle fühlt sich wie entspannt an. Es dauert gefühlt viele lange Sekunden, bis aus dem Schneeflausch ein kleiner Rinnsal entsteht, der sich seinen Weg durch mein Gesicht sucht.

Das tut gut. Ein schönes Gefühl, so voller Selbstvergessenheit. Als wenn die Welt schrumpft und nur noch die Schneeflocke und ich den Lebensfilm weiter drehen.

Ich spüre, dass ich diesen Moment für ewig festhalten möchte, diesen Augenblick immer und immer weiter spüren möchte. Alles in mir schreit nach „MEHR“.

Mir wird bewusst, dass das genau so ein Moment ist, an dem wir anfangen, auf die Suche zu gehen. Auf die Suche nach dem „MEHR davon“, weil wir ständig das Gefühl in uns spüren, nicht genug davon zu bekommen.

Und was machen wir? Wir suchen nach Lösungen, die uns Befriedigung verschaffen. Wir suchen nach Ersatzbefriedigungen, die uns wie eine Lösung erscheinen.

Wir schauen uns vielleicht um und suchen nach größeren, schöneren Schneeflocken. Wir rennen ihnen nach, wollen sie einfangen, vielleicht sogar ganz viele auf einmal.
Kann sein, dass wir sogar in Nachbars Garten schauen, ob es dort nicht eventuell bessere gibt.

Gut möglich, dass wir auch auf die Idee kommen, die Schneeflocken einzufrieren, um auch später noch ganz viel davon zu haben.  Auch könnte man ins nächstgelegene Einkaufscenter fahren, um nach Ersatz aus Plastik zu suchen.

Egal was es ist, wir strotzen nur so voller aktiver Regsamkeit, nur um diesen einen schönen Moment in uns zu spüren. Nur um das zu spüren, wonach es uns so sehr sehnt.

Über die, die eine schönere Schneeflocke haben als wir, fangen wir an zu nörgeln. Wir grübeln darüber nach, warum die und nicht wir und darüber, ob sie es überhaupt verdient hätten und warum sie es nicht verdient haben.

Und voller krankhaftem  Neid verpassen wir dadurch das nächste Schneeflöckchen, was auf unser Gesicht fallen möchte.

Schlimmer noch ist, dass wir vielleicht denken, dass wir gar keine Schneeflocken auf unserem Gesicht verdient haben oder aber, dass so eine Schneeflocke überhaupt kein Grund ist, so einen Aufstand zu machen, weil es viel wichtigere Dinge im Leben gibt.

Was für ein ermüdender Energieverlust, dieses Streben nach dem „MEHR davon“.

Und mir kommt in den Sinn, ob es nicht viel einfacher wäre ohne sinnlosem Aktivismus einfach den Moment zu genießen. Einfach darauf zu vertrauen, dass immer wieder mal so ein kleiner Augenblick kommen wird und man dann darauf vorbereitet ist, um ihn mit seiner vollen Lebensenergie zu genießen?

Noch wichtiger scheint es mir aber, so einem schönen Augenblick nicht nachzutrauern. Es geschieht, es geschah … etwas anderes wird von neuem geschehen.

Nicht danach suchen, sondern mit der Gewissheit, dass es kommt, darauf warten.
Nicht nach Besserem schauen, sondern diesen Moment als das Beste annehmen.
Nicht den Verlust beklagen wenn es vorbei ist, sondern dankbar sein für diesen Augenblick.


Also stehe ich da, empfange die Schneeflocken auf meinem Gesicht. Spüre mein „ICH“ und wie die Sorgenfalten meiner Stirn sich glätten. Genieße das kühlende Nass und jeden Millimeter, der mit Feuchtigkeit durchdringt wird. Genieße meinen ruhigen tiefen Atem.


Und schlagartig werde auch ich ein bisschen stiller, ein wenig ruhiger, etwas friedlicher …



Freitag, 18. Januar 2019

Schwäche





Wie im Nebel die Gedanken,
die Bewegung wie im Trance.
Kein Echo auf Geräusche,
die Wände vor ihr fangen an zu schwanken.

Der Körper friert im Sonnenschein,
die Seele schreit ohne Tränen laut.
Die Füße wissen nicht wohin
und wo sie auch ist, fühlt sie sich allein.

Das Herz so schwer,
vor den Augen das Ziel so blass.
Suchende Hände finden keinen Halt.
Zum Stark sein hat sie die Energie nicht mehr.

Die Kraft eines Schneeglöckchens wünschte sie zu haben,
so euphorisch aufzubrechen in eine ungewisse kalte Zeit.
Den Mut eines Vogels möcht' sie heut' besitzen,
sich so vogelfrei an den wenigen Sonnenstrahlen zu laben.

Samstag, 22. Dezember 2018

Weihnachten




Zu viele sich berauschen am Kaufen,
dem Konsum-Glück ferngesteuert nachlaufen,
vor lauter übertriebenem Schenken und Fressen,
das Wichtigste an Weihnachten vergessen.
Das ist doch echt zum Haare raufen!

Sonntag, 25. November 2018

In einer Sekunde ...


in einer Sekunde ist meine Stimmung hin.

Gerade noch in einer gefühlten Tiefenentspannung, einem kleinen Hauch von Wohlgefühl, eine  kleine Andeutung nur von der viel zu selten aufkommenden inneren Ruhe … alles weg.

„SIE“ sagen immer, ich solle unter Leute, ich solle das Leben genießen, mir was Gutes tun. Oh man, „DIE“ haben ja keine Ahnung wie schwer das ist.

Aber trotz allem habe ich etwas entdeckt für mich, was all „IHRE“ von mir geforderten Prämissen erfüllt. Line Dance! Hier komme ich unter Leute, auch ohne ihnen zwangsweise zu nahe kommen zu müssen. Und es tut mir tatsächlich gut, mich auf meine Schritte zu konzentrieren und mal nicht, wie sonst immer, meinen Grübeleien nachzuhängen und, ihr werdet es nicht glauben, manchmal komme ich sogar an einen Punkt, der irgendwie auch etwas mit Genuss zu tun haben könnte.

Wer von Line Dance nur mal so nebenbei was gehört hat oder es nur mal kurz gesehen hat, läuft ganz schnell Gefahr, diese Art von Bewegung leicht hochnäsig ab zu tun mit Kinderkram. Keine Panik, ihr braucht jetzt kein schlechtes Gewissen zu haben, das hatte ich nämlich auch am Anfang gedacht.

Wie schwer es allerdings ist, sein Gehirn und seine Beine zu koordinieren, hatte ich bei Weitem nicht geahnt. Die Schrittfolgen, die Schrittkombinationen sind mit ihrer Komplexität nicht im Geringsten mit einem Walzer oder ähnlichen Standard-Tänzen zu vergleichen.
Der Zählrhythmus 1-2-3 erhöht sich mal eben ganz schnell auf 1-2-3-4-5-6-7-8. Rein rechentechnisch betrachtet, erhöht sich so logischer Weise auch sofort die potentielle Möglichkeit des über seine eigenen Füße Stolperns.

Naja, der Vorteil beim Line Dance  liegt klar auf der Hand, man stolpert nämlich zum Glück nur über seine eigenen Füße und läuft nicht Gefahr, noch irgend einem Tanzpartner Verletzungen zuzuführen. Jedenfalls scheint in mir irgendwie die Synapse zwischen Gehirn und Füßen eingeschlafen zu sein. Oben richtig gedacht, unten in die falsche Richtung gedreht oder oben einen völligen Blackout und unten stapfen die Füße nur hin und her um überhaupt irgendetwas zu tun.

Tja, da kann man nur eins machen, sich über seine eigene Dummheit ärgern wie immer, aber blöderweise ist dafür gar keine Zeit, oder aber man schaut schnell auf die anderen und stellt zufrieden fest, dass es ihnen keinesfalls besser geht. Irgendwann habe ich mich nach der 3. oder 4. Trainingseinheit für Letzteres entschieden.

Die Vorletzte von den 8 Schnupper-Einheiten begann. Der Sportraum ist groß genug, dass sich unsere fast 20 Teilnehmerinnen gut verteilen können und so habe ich immer die Möglichkeit, auf die eine oder andere Gruppe zuzugehen oder für mich zu bleiben. Von weitem ein Hallo oder ein Lächeln bekommen sie ja deswegen trotzdem von mir und schon lange habe ich es mir abgewöhnt, darüber nachzudenken, ob sie mich für eingebildet halten. Ich weiß, ich bin es nicht! Ich weiß, es hat andere Gründe.

Es geht los, wir stellen uns auf in 4 Reihen, immer personenversetzt, jeder den Blick in Richtung des großen Spiegels, was mir persönlich noch sehr schwer fällt. Also dieser Blick in den Spiegel, nicht das Aufstellen in eine Reihe, sich „einfügen“ konnte ich ja schon immer perfekt. Der erste Tanz, „electric Slide“, wird angesagt und gleich rattert es in meinem Gehirn und die Schritte dieses Tanzes wollen einfach nicht als geistiges Bild vor meinen Augen erscheinen. Da es den meisten von uns ebenso geht und unsere Trainerin diese Anfängerproblematik kennt, zeigt sie uns die für diesen Tanz erforderlichen Schritte noch einmal langsam in einer Trockenübung.

Ach sooooooooooooooooooooo …  Hand-auf-die-Stirn-schlag …

Gut, die Schritte sind jetzt im Gehirn angekommen, was allerdings nicht unbedingt zur Folge hat, dass auch die Füße schon Bescheid wissen. Davon ganz zu Schweigen, dass aus der langsamen Trockenübung die Beiden gemeinsam auch noch das gerade Wiederholte in den schnelleren Rhythmus der Musik umsetzten müssen.

1-2-3-4 Uuuuups, falsche Richtung, verdammt. Dann einfach hin und her tapsen bis zur 8 und wieder neu einsteigen. 1-2 oh verdammt, auf die Tänzerin neben mir geschaut und jetzt stolpert sie und ich bin raus. Ein Lächeln wechselt unseren Blick, mehr Zeit ist nicht, schon kommt die 8, eine neue Chance für uns. Ein paar Mal geht das so, bis … ja bis es kommt, dieses Gefühl. Der Automatismus stellt sich und ich gerate in eine Art Flow. Gerade denke ich noch, wie schön das sich doch anfühlt, und als ob dieser Gedanke für mein Gehirn ein Gedanke zu viel ist, bin ich wieder raus.

Bis zum Ende des Liedes haben wir es aber wie immer alle geschafft, eine Art Einheit zu bilden, was der Blick in den großen Spiegel vor uns verrät.

Habt ihr euch schon einmal gefragt, warum die Passagiere im Flugzeug immer nach der Landung klatschen und euch geschworen, diesen Blödsinn nicht mitzumachen wenn es so weit ist. Und dann ertappt ihr euch bei eurer nächsten Landung dabei, dass ihr wie hypnotisiert mitklatscht, weil ihr doch innerlich abfeiert, wieder unten angekommen zu sein und diese innerliche Erlösung einfach raus muss???

Naja, wir klatschen also auch immer alle, wenn wir einen Tanz zusammen „überlebt“ haben … ein befreiendes Gefühl.

Der nächste Tanz wird angesagt. „the beautiful day“! Und glaubt mir, alles geht von vorne los. Wo vorher die Füße zum Beispiel 2x nach rechts und 2x nach links schleichen mussten, müssen meine Füße nun 1x nach rechts doppelhüpfen und dann 1x nach links. Mein Gott, wie soll ich denen da unten das denn in so kurzer Zeit klar machen … nun gut, wie wir nun alle schon ahnen, geht es den anderen zum Glück ebenso.

Nach dem zweiten Tanz ist das Gehirn noch nicht völlig „Banane“ und so studieren wir nun die Schritte für unseren neuen Tanz „cotton eye Joe“ ein. Zumindest versuchen wir es, das wird wohl noch ein paar Einheiten brauchen, bis wir den intus haben.

Zum Abschluss noch zwei Tänze, die wir schon können (ehhhh, kennen meine ich, nicht können), was aber nicht bedeutet, dass wir hier auf obigen Ablauf verzichten. Nein, nein .. wir stolpern uns wie immer schön rein in die Tänze in der Hoffnung, der Flow erreicht uns auch zu „lindi shuffle“ und „copperhead road“.

Geschafft, völlig durchgeschwitzt und durstig, Zehen und Füße aber Gott sei Dank alle noch dran, sitzen wir auf unseren Stühlen. Die Gehirne geben Rauchzeichen im Sinne „Man bin ich platt, du auch?“ ab. Hüfte, Knie und Knöchel pochen leise den Vorwurf „Muss das denn immer sein!“ im Takt vor sich hin. Langsam erwacht der Raum und die ewig Unruhigen und viel zu Lauten (vielleicht sind es aber auch nur die Lebenslustigen) unter uns beginnen sogleich, der erschöpften Stille wieder Leben einzuhauchen.

Und schon stürzen zwei Tänzerinnen aus einem laut schnatterndem Grüppchen auf die Trainerin zu. Überschwänglich gestikulierend erklären sie ihr, dass wir unbedingt in der nächsten Trainingseinheit den Tanz „black coffee“ einstudieren müssen, weil, sie hätten gehört, der würde unheimlich Spaß machen.

Ich bin leicht genervt. Genervt davon, dass wieder einmal eine ganze Gruppe das machen soll, was 3 – 5 Personen wünschen. Aber noch bekomme ich mich in den Griff. Ist ja eigentlich auch egal was ich lerne, jeder neue Tanz ist neu und jeder neue Tanz wird schwer zu lernen sein, was soll`s also. Keep cool.

Die Trainerin ist damit einverstanden, die anderen werden gar nicht erst gefragt, was auch sonst. Und schon läuft die Musik und wir schauen alle gebannt auf die neuen Schrittfolgen, die unsere Trainerin mit einer uns noch fremden Leichtigkeit vorführt.

Beim Zuschauen nehme ich das vorher so enthusiastische Grüppchen war, dummerweise nehme ich immer mehrere Dinge gleichzeitig war, und bemerke, wie sie sich angeregt unterhalten. Diese Beobachtung veranlasst mein Gehirn dazu, seine Prioritäten zu verschieben und die Gedanken haben kein Halten mehr.

Ich verstehe nicht, wie man so unhöflich sein kann und sich laut schnatternd und kichernd unterhalten kann, obwohl jemand da vorn wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit verdient hat. Und ich verstehe nicht, warum man erst riesiges Interesse an einem bestimmten Tanz signalisiert um dann völlig unbeteiligt am eigentlichen Geschehen zu sein.

Dieses Verhalten ärgert mich, regt mich total auf. Aber ich kann sie in dieser Situation auch nicht darauf ansprechen. Dann müsste ich mich ja in den Mittelpunkt stellen. Dann würde ich auch Gefahr laufen, nicht verstanden zu werden von diesem Grüppchen oder den anderen. Sätze wie „Mein Gott, die hat sich aber wieder!“ rauschen durch meine Windungen und ich bleibe stumm und starr.

Und ich ärgere mich weiter, ich ärgere mich noch zu Hause, ich ärgere mich auch noch 1 ½ Wochen später darüber, über dieses Grüppchen und über mich, weil ich nichts dagegen gemacht habe und weil ich es wieder einmal so an mich ran gelassen habe – so sehr, dass ich zu dem Schluss komme, zu dem ich wohl meistens komme. Ich gehe einfach nicht mehr hin, dann brauche ich mich nicht mehr über andere Leute  oder über mein eigenes Fehlverhalten zu ärgern. Punkt!

Dieses „BEI-SICH-BLEIBEN“, dieses „NICHT-MEIN-AFFE-NICHT-MEIN-ZIRKUS“ … ich krieg das einfach nicht gebacken.

Und so passiert es mir immer wieder - in einer Sekunde …   ist meine Stimmung hin.


wieder mal ein Bierdeckel ...