Freitag, 8. Mai 2020
Freitag, 8. November 2019
Schwarzes Glas
Panische Angst steigt in mir hoch
und scheinbar erfolglos kämpfe ich gegen sie an.
All meine Sinne sind geschärft
und in Alarmbereitschaft. Die Angst wird durch den animalischen Geruch, der mir
in die Nase steigt und sich seinen Weg erfolgreich bis in meinen Magen sucht, nur
noch verstärkt.
Das überaus bedrohliche Schnauben
verursacht Gänsehaut am ganzen Körper, jedes meiner Haare ist aufgestellt und wie
Fühler sucht jedes Einzelne davon nach einem Ausweg. Doch für ein Weglaufen ist
es schon zu spät. Meine Beine wollen oder können sich nicht mehr in Bewegung
setzen.
Der warme Atem bläst mir in
schnellen Stößen entgegen, kommt immer näher. So nah, dass meine Augen blinzeln
müssen. Schnell schließe ich sie, als ob ich damit die Gefahr bannen könnte.
Die Sekunden werden immer
langsamer, wie, wenn sie sich durch Schlamm kämpfen. Mein Herz dagegen rast so
schnell, dass es in meinen Ohren zu rauschen beginnt - bis … ja, bis die Welt auf
einmal stehen zu bleiben scheint.
Das Schnauben wird ruhiger, und
obwohl so nah an meinem Gesicht, komischerweise leiser. Der Atem, vorher wie
suchend immer näher kommend, bleibt vor meinem Gesicht stehen und nun scheint es
tatsächlich so, als streichele er meine Wangen.
Mutig, gepaart mit etwas Neugier
auf das, was nun passieren wird, öffne ich einen Spalt weit mein Auge und
entdecke etwas, was ich zu vor noch nie gesehen habe. Ich blicke in ein
schwarzes, tiefes Dunkel hinein. Zuerst erkenne ich nur kleine weiße,
wunderschöne Sterne. Das Tageslicht scheint sich genau wie ich in dem glasigen Dunkel
verfangen zu haben.
Paradox ist, dass mir diese tiefe
Finsternis, in die ich blicke, ein Gefühl von riesiger Weite vermittelt. Und
dann entdecke ich mich im Spiegelbild. Ich schaue, in einer schwarzen Glaskugel
gefangen, auf mich selbst und spüre, dass ich keine Angst zu haben brauche. In
dieser Kugel scheine ich mich geborgen und sicher zu fühlen, aufgehoben und
beschützt.
Noch nie zu vor hat
wahrscheinlich eine Glaskugel so viel wahrgesagt über mich wie in diesem Moment jene Schwarze. Ich sehe, wie man Angst überwinden kann. Ich sehe, wie ich für einen
Augenblick das Leben in mir und um mich herum spüre. Ich vertraue und
gleichzeitig verstehe ich, dass Schwarz nicht immer düster ist und Dunkelheit
nicht immer Leere bedeutet. Und überhaupt, und vor allem … ICH SEHE MICH.
Wohlige Wärme strömt durch meinen
Körper bei dem Anblick meiner Selbst, so aufgehoben in diesem schwarzen Glas.
…
Ach ja, falls es jemand wissen
möchte, meine Urlaubsbekanntschaft heißt Max. Von diesem Moment an habe ich ihn
jeden Tag besucht, meine Hand an seinen Hals gelegt und ihm dabei tief in die
Augen geschaut.
Montag, 16. September 2019
Dienstag, 9. Juli 2019
Montag, 3. Juni 2019
Der Boden schwankt unter meinen Füßen ...
Der Boden schwankt unter meinen Füßen,
ich finde keinen Halt. Alles ist so fremd und es fühlt sich irgendwie so
unwirklich an. Starr vor Angst sitze ich da, bewege mich keinen Millimeter.
Aus respektvoller Entfernung heraus beobachte
ich die Anderen. In meinen Augen wuseln sie ziel- und planlos, um nicht zu
sagen sinnlos, hin und her. Sie bemerken mich nicht, rastlos geben sie sich
einem Treiben hin, dessen Sinn ich nicht verstehe.
Der Wunsch dazu zu gehören, wird stärker.
Leider nicht so stark, um wenigstens nur einen kleinen Schritt auf sie
zuzugehen.
Nun werde ich doch entdeckt, denn jemand
kommt aus der Gruppe auf mich zu. Vor mir stehen bleibend fragt er mich völlig
ungezwungen: „Hey, wir wollen weiter ziehen. Willst du mitkommen?“
Ähhhhh, denke ich nur und habe sofort
tausend Fragezeichen in meinem Kopf. Und im selben Augenblick antworte ich schon:
„Ja aber wohin wollt ihr denn?“
Er schaut mich völlig erstaunt an, als
wenn ich von einem anderen Stern komme. „Jaaaaaaaabeeeer … was ist denn das für
ein Wort? Was bedeutet das? Du kommst wohl nicht von hier? Und wieso fragst du
denn, wo wir hin wollen. Ist doch völlig unlogisch so eine Frage, dass weiß man
doch immer erst, wenn man gestartet ist …“
Sein Erstaunen über meine Worte hielt
immer noch an. Davon abgesehen denke ich mir auch so meinen Teil über seine
Worte. Mein Gott, so schwer von Begriff kann man doch gar nicht sein, ich rede
doch nicht marsianisch oder so. Wieder verfange ich mich in meinen Grübeleien
und frage mich wie so oft, warum die Anderen mich scheinbar nie verstehen.
„Na ja, ich mach dann mal ‘nen Abflug!“ ruft er mir mit dem unnachgiebigen
Beweis in den Augen, dass er nicht so recht was mit mir anzufangen weiß, zu.
Bei den anderen angekommen, schwirrt er
von einem zum anderen und immer wieder weht der Wind mir ein leises Kichern zu.
Und meine eigenen Worte schallen mir in den verschiedensten Stimmen wie ein
Echo entgegen.
„Jaaaaaaaabeeeer …“ „Jaaaaaaaabeeeer …“ „Jaaaaaaaabeeeer …“ „Jaaaaaaaabeeeer
…“
Echt jetzt, denke ich, machen die sich gerade
lustig über mich? Es ist zwar kein böses, gehässiges, Kichern, das höre ich schon
heraus. Aber weh tut dieses Gefühl, ausgelacht zu werden, trotzdem.
Nun sitze ich also wieder da und weiß
nicht wohin mit mir. Hilflosigkeit macht sich in mir breit. Und dann sehe ich aus
den Augenwinkeln heraus ihn. Nur einen Flügelschlag entfernt von mir muss er mich
schon eine Weile beobachtet haben, denn als ich zu ihm rüber schaue, lächelt er
mir freundlich entgegen.
„Nimm’s ihnen nicht übel“, spricht er
mich an. „Wir kennen dieses Wort halt wirklich nicht.“
Ein „mhhh“ kommt von mir. Mehr weiß ich
in diesem Moment nicht zu sagen. Irgendetwas stimmt hier nicht, rattert es in
meinem Gehirn, das kann doch wohl alles nicht wahr sein.
„Wie bitte?“ Ich hatte seine Frage nicht
gehört und bat um Wiederholung. Auf seine Frage, warum ich mit den Anderen
nicht mitgezogen bin, sprudelten die Worte nur so aus mir heraus.
„Das geht nicht“, antworte ich voller
Inbrunst.
„Ich muss noch die Beete machen …“
„Und der Rasen muss noch gemäht werden
…“
„Und Mittagessen muss ich noch kochen …“
„Die Waschmaschine ist auch gleich
fertig, da muss ich noch ….“
Immer mehr ist mir eingefallen, was ich
noch alles müssen muss. Die Augen meines Zuhörers werden bei meiner Litanei
immer größer, ich verstumme und schaue ihn auffordernd an.
„Was bedeutet dieses Wort MUSS?“ fragt
er in die Lücke meiner Worte.
Das weiß er nicht? Oh mein Gott, ich
falle gleich vom Glauben ab. Ich weiß nicht, wie ich ihm das erklären soll und
wirke innerlich leicht angesäuert. Kurz
angebunden und schon leicht schnippisch frage ich ihn dann: „ Bei uns ist das
eben so, was ist denn bei euch so anders, häää?“
„Na ja!“ Ich merke, wie er nach Worten
sucht, um mir sein Leben verständlich zu erklären. Ich wette, er denkt gerade
das Selbe über mich, wie ich über ihn und kann mir ein kleines inneres Lächeln
nicht verkneifen.
„Also wir genießen das Leben, was uns
geschenkt wurde. Wir besitzen nichts und müssen, mit deinen Worten gesprochen,
deshalb auch nichts müssen.“
„Wenn die Sonne scheint, wärmen wir uns
an ihren Strahlen und spielen Duft-Rätselraten.“ Meinen fragenden Blick
bemerkend erklärt er:
„Wir versuchen die Düfte in der Luft
herauszuriechen und wer es als erster richtig erraten hat, der hat gewonnen.“
Innerlich rollen meine Augen gerade
Karussell. Wo bin ich hier nur hingeraten, sind meine verzweifelten Gedanken.
Der Begriff ‚Ich verstehe die Welt nicht mehr‘ hat auf einmal eine noch viel höhere Dimension
gefunden.
Ups, ich grüble schon wieder.
„…stolz, dass wir alle unterschiedlich
aussehen und bewundern gegenseitig unsere uns eigenen Merkmale, die uns zu
etwas ganz Besonderem machen.“
Oh, zum Glück habe ich seinen letzten
Satz noch mitbekommen, aber um ehrlich zu sein, so richtig begreifen kann ich
dessen Inhalt nicht. Also wenn meine dicke Nase mich von den anderen
unterscheidet, dann bin ich keinesfalls darauf stolz, ganz im Gegenteil. Und
das jemand anderes meine dicke Nase auch noch als bewundernswürdig erachtet, na
das kann ich ja nun wirklich nicht glauben.
Man, ich schweife schon wieder ab.
Gerade hat er mich gefragt, ob ich es nicht auch einmal versuchen möchte. Wie,
was möchte ich versuchen? Mein Gehirn beantwortet mir meine Frage gleich
selber. Ich soll es also so machen wie sie!
Leise, fast beschämt, antworte ich ihm:
„Ich weiß nicht, wie das geht!“ Worauf er mich traurig, na ja, sagen wir mal
mitleidig, anschaut.
„Erst einmal schließt du deine Augen!“
weist er mich an.
„Und dann versuche die Sonne auf deiner
Haut zu spüren. Spüre, wie sie dich wärmt und umarmt.“
„Beobachte, wie der Wind deine erhitzte
Haut streichelt und versuche, die verschiedenen Sommerdüfte aus der Luft zu
filtern.“
„Und dann, wenn du dich so richtig frei
von allem fühlst, dann breite einfach deine Flügel aus und flieg …“
…
Bin ich etwas eingeschlafen? Eingenickt
auf meiner Liege im Garten? Tatsächlich. Und ich glaube, ich habe sogar geträumt,
kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Müde schließe ich noch einmal wohlig
meine Augen und bemerke, wie der Wind über meine durch die Sonne aufgewärmte
Haut streichelt. Es riecht nach Sommer, für einen Moment fühle ich mich so wohl
und entspannt.
Ich öffne meine Augen wieder. Mein noch
verschlafener Blick geht zu den Lavendelbüschen in meinem Garten hinüber. Den
aromatisch-blumigen Duft dieser Lavendelbüsche in der Nase habend beobachte ich
die vielen Schmetterlinge, die von einer Blütenrispe zur nächsten flattern.
Es sieht aus, als wenn dies ziel- und
planlos geschieht. Aber irgendwie ganz tief in meinem Inneren spüre ich, dass
dieses Hin und Her einen Sinn hat, einen tiefen, ganz wichtigen Sinn und ich
beneide sie um ihr Treiben.
Ein „Ja, aber ich muss noch …“ will mich
von der Liege aufjagen, doch ich falle mit einem „was soll’s“ zurück.
Und ich schaue wieder auf die
Schmetterlinge und denke nur, wie schön es wäre, sich so richtig frei zu fühlen
und mal einfach so seine Flügel auszubreiten um los zu fliegen …
Samstag, 27. April 2019
Sonntag, 14. April 2019
Ein ganz normaler Sonntag …
Ich stehe im Garten. Es ist kalt - verzeiht mir
meine Ausdrucksweise, es ist arschkalt. Der eisige Wind versucht sich durch
meine gefühlt viel zu dünne Jacke zu kämpfen. Und auch wenn ich meine Arme fest
um mich selbst schlinge, er hat gewonnen und verursacht bei mir eine
Ganzkörper-Gänsehaut.
Und still ist es im Garten, viel zu still,
ungewöhnlich still.
Weiße Flocken bedecken die Wiese und ich werde bei
diesem Anblick wehmütig. Denn es sind nicht diese „ich strecke die Zunge raus
und lass sie schmelzen-Flöckchen“. Nein, die Blütenblätter unserer Obstbäume
weht der Wind auf den grünen Boden.
Ein Zeichen dafür, dass die Ernte im Herbst wohl
nicht besonders ertragreich werden wird. Und jetzt kann ich auch die empfundene Stille
deuten. Es fehlt das Gezwitscher der Vögel und es fehlt noch etwas anderes.
Nämlich das Summen der Bienen in den Obstbäumen. Nichts davon ist zu hören, viel
zu kalt ist es für sie.
Die Obstblüte, sonst genug Nahrung für die Bienen,
die kaum noch etwas finden in diesen fast sterilen Gärten, sie ist schlagartig
vorbei.
Dieser Anblick macht mein Herz schwer, ich
verschwinde schnell in die kuschelig, warme Wohnung und hülle mich auf dem Sofa
ein in meine flauschige Decke. Schlimme Träume lassen mich nachts oft nicht
schlafen und so tut es gut, den geraubten Schlaf nach dem Mittag nachzuholen. Mein Kätzchen ist dankbar dafür, denn sie
liebt es ebenfalls, zwischen meinen Beinen eingemummelt dem Mittagsschlaf zu
frönen.
Mein Mann schaut Fußball. Für mich (liebe Fans
unter euch, lasst Gnade walten) ist das ein perfektes Einschlafmittel und sehr
schnell schon höre ich die Geräusche aus dem Fernseher von weit entfernt, wie
aus einer anderen Galaxie.
…
Eine warme weiche Hand streichelt über mein Gesicht
und bis ich merke, was los ist, denke ich nur: „Scheint mal ein schöner Traum
zu werden …“
Aber ich träume nicht, langsam dämmert es mir und
ich mache die Augen auf. Vor mir steht mein Enkel, noch komplett eingehüllt in
Jacke, Mütze und Schal. Unsere Blicke treffen sich. Ich reiße meine Arme hoch
und strecke sie ihm entgegen und er stürzt sich ungestüm in sie hinein. Mit
schmutzigen Straßenschuhen, was mir in diesem Augenblick total egal ist, liegt
er nun komplett auf mir. Mein Kätzchen hat schon längst das Weite gesucht.
So ineinander verschlungen genießen wir diesen
Augenblick. In diesem Moment weiß ich, dass er meine Liebe zu ihm spürt, denn
ich spüre seine zu mir auch.
„Omaaaaaa, hast du noch was vom Mittag übrig, ich
hab noch Hunger!“ flüstert er mir ins Ohr. „Na klar!“ antworte ich, „magst du
Fischstäbchen mit Kartoffelbrei?“
Mit einem „oh jaaaaa“ wälzt er sich von mir runter
und im Gehen kommt noch die Frage, auf die ich immer warte, wenn er das Wort
Fischstäbchen hört.
„Bekomme ich auch wieder Bananenscheiben auf die
Fischstäbchen drauf?“ ruft er mir beim Schuhe ausziehen zu.
„Natürlich, mein Sonnenschein, alles was du
möchtest …“ antworte ich aus der Küche, in der ich schon fleißig am rumwuseln
bin.
Ein ganz normaler Sonntag? Wohl eher nicht …
Mittwoch, 3. April 2019
Arktur - der, der mit den Bären jagt
Arktur ist es, über den ich erzählen möchte. Ein junger Mann von niederer Herkunft, denn sein Besitz waren nur Bären und sein Gefolge waren nur Hunde.
Er verliebte sich in ein wunderschön anzuschauendes Mädchen, auch sie spürte die innige Verbundenheit zwischen ihnen. Sie trafen sich heimlich, denn ihr Vater würde dieser Verbindung nie zustimmen. Ihre Liebe wurde so stark, dass sie sich bald ewige Treue schworen.
Die traute Zweisamkeit hielt nicht lange an. Ihr Vater kam hinter ihr Geheimnis. Er war erbost über den Ungehorsam seiner Tochter und voller Wut verbannte er sie. So weit weg, dass Arktur sie nicht finden konnte. Das junge Mädchen weinte gefangen in der Dunkelheit. Sie konnte nicht fliehen, stets wurde sie von den Löwen ihres Vaters bewacht.
Aber auf Grund ihrer großen Liebe zu Arktur gelang es ihr, mit einem verzauberten Ährenkranz dem Liebsten ein Licht zu senden. Als er ihr Herzenslicht entdeckte, beschloss er, sie in der Abgeschiedenheit des Dunkels zu suchen und folgte ihr in die Nacht.
Seine Jagdhunde hetzen nun schon seit tausenden von Jahren die Bären durch Lichterstrahlen, Dunkelheit und Nebel - nur um einen liebevollen Blick auf sie zu werfen oder den ihren zu erhaschen.
Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut doch hoch in die Sternennacht und sucht nach dem Sternbild Bootes, auch genannt "der Bärenhüter". Dort werdet ihr Arktur's Herz entdecken, welches voller Liebesqual blutend leuchtet, begleitet von seinen Jagdhunde und Bären. Und schaut ihr weiter, erspäht ihr auch die von ihm angebetete Jungfrau, bewacht von des Vaters Löwen ...
Er verliebte sich in ein wunderschön anzuschauendes Mädchen, auch sie spürte die innige Verbundenheit zwischen ihnen. Sie trafen sich heimlich, denn ihr Vater würde dieser Verbindung nie zustimmen. Ihre Liebe wurde so stark, dass sie sich bald ewige Treue schworen.
Die traute Zweisamkeit hielt nicht lange an. Ihr Vater kam hinter ihr Geheimnis. Er war erbost über den Ungehorsam seiner Tochter und voller Wut verbannte er sie. So weit weg, dass Arktur sie nicht finden konnte. Das junge Mädchen weinte gefangen in der Dunkelheit. Sie konnte nicht fliehen, stets wurde sie von den Löwen ihres Vaters bewacht.
Aber auf Grund ihrer großen Liebe zu Arktur gelang es ihr, mit einem verzauberten Ährenkranz dem Liebsten ein Licht zu senden. Als er ihr Herzenslicht entdeckte, beschloss er, sie in der Abgeschiedenheit des Dunkels zu suchen und folgte ihr in die Nacht.
Seine Jagdhunde hetzen nun schon seit tausenden von Jahren die Bären durch Lichterstrahlen, Dunkelheit und Nebel - nur um einen liebevollen Blick auf sie zu werfen oder den ihren zu erhaschen.
Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut doch hoch in die Sternennacht und sucht nach dem Sternbild Bootes, auch genannt "der Bärenhüter". Dort werdet ihr Arktur's Herz entdecken, welches voller Liebesqual blutend leuchtet, begleitet von seinen Jagdhunde und Bären. Und schaut ihr weiter, erspäht ihr auch die von ihm angebetete Jungfrau, bewacht von des Vaters Löwen ...
Freitag, 1. März 2019
Mein Dom ...
Tritt ein in den Dom, durch das herrliche Portal ...
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, alle verrückten Tage einmal.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in deinen staubigen Schuhn.
Tritt ein in den Dom.
Ohoh - tritt ein ... ein paar Minuten zu ruhn.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, kleiner Mensch tritt ein!
Hier umfängt dich die Stille, jede Pupille wird weiter.
Riesig wird jede Pupille
und erstrahlt in den Farben der Fenster.
Weiter wird jede Brust.
Hier atmet man Größe.
Größe atmet man hier.
Den Dom haben Menschen errichtet,
den Dom haben Menschen errichtet.
Tritt ein in den Dom, den Schritten das Schreiten zu lehren.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, die Größe des Menschen zu ehren.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein und schüttle ab die Hastigkeiten.
Tritt ein in den Dom.
Ohoh, tritt ein ... zähl in Jahrhunderten die Zeiten.
Tritt ein in den Dom.
Tritt ein in den Dom, kleiner Mensch tritt ein.
Tritt ein! Tritt ein in den Dom!
Tritt ein in den Dom durch das herrliche Portal ...
Wenn ich Glück habe, dann kennst du dieses Lied der DDR-Band „Electra“. Genauso gut kann es aber auch sein, dass dir dieses Lied völlig unbekannt ist.
Der Dom?!
Ein gewaltiges, mächtiges Wort - aber auch eine Metapher, eine Symbolik … und für jeden von uns mit einer anderen Bedeutung verbunden.
Sicher, in erster Linie denken die meisten an ein Gebäude, ein kirchliches Gebäude – und Punkt. Aber ist es das? Ist es das für alle?
Setzt man sich nämlich mit den Gefühlen, die dieses Wort in jedem Einzelnen von uns auslösen, auseinander, dann entdeckt man auf einmal, dieses Wort bedeutet sooooo Vieles mehr …
Auf einmal kann der Dom zu einer schlichten Badewanne werden, in der man einfach nur zur Ruhe kommen will. Für andere wird der Dom zum Arbeitsamt, welches voller Angst und Unterwürfigkeit betreten werden muss.
Wiederum für andere wird der Dom vielleicht zur Gartenlaube, in der man in völliger Abgeschiedenheit seinen Gedanken nachsinnen kann, um wieder zu sich selbst zu finden.
Ein Buch kann auf einmal zum Dom werden oder ein verschwiegener stiller Ort am, von anderen längst vergessenen, Angelteich. Auch zu einer illegalen Müllhalde kann er werden, wo Menschen ihren Müll ablegen, ohne dafür jegliche Verantwortung zu übernehmen.
Der Dom kann zu einem engen Freund werden, zu einer Pilgerreise, zu einem Foto von einem lieben, längst schon verstorbenen, Menschen.
Heute möchte ich dich einladen, mit mir zusammen das „herrliche Portal“ zu durchschreiten um einzutreten in meinen neu entdeckten „Dom“.
Magst du mit mir auf die Reise gehen? Dann lass dich an die Hand nehmen und komme mit.
...
Du läufst am Bahndamm entlang und deine Schritte hallen einsam über die Pflastersteine. Über die Hinterhöfe hat sich still die Abenddämmerung wie ein schwerer Nebel gelegt. Dein Weg führt Richtung Altstadt. Und dort, wo sonst tagsüber die betriebsame Hektik des Alltags herrscht, ist friedliche Ruhe eingekehrt.
Vereinzelt ist ein Schaufenster kalt und neonklar erleuchtet und preist seinen Inhalt an. Die Geschäfte sind schon geschlossen und so fällt es dir sehr leicht, loszulassen von diesem ständigen Haben-Müssen.
Dein Blick streift weiter und bleibt hängen an viel kleineren Fenstern, die zwar nicht so strahlend hell erleuchtet sind, dafür aber mit sanften, kleinen, warmen Lichtern auf etwas Anderes, etwas Unbekanntes, etwas Geheimnisvolles hinweisen. Deine Neugierde ist geweckt.
Was deine Augen durch die Fenster erhaschen können, ist nicht viel, doch genug, um zu wissen, dass da drinnen in den Räumen ein Abenteuer auf dich wartet. Etwas, was nicht der Normalität entspricht. Schon in diesem Augenblick wird dir bewusst, wie sehr du dich danach sehnst, nach diesem „nicht der Normalität zu entsprechen“, denn von dem ganzen „Normalem“ was dich umgibt, hast du eindeutig schon genug, weil es dich ständig einzwängt.
Eine schwere verschlossene Holztür fordert dich auf, sie zu öffnen um endlich einzutreten.
![]() |
| mein Foto |
Als erster Eindruck empfängt dich der Geruch. Nicht modrig, alt – aber auch nicht nach klinischer Reinheit riecht es. Dieser Geruch ist dir fremd. Ein Hauch von Holz, Rauch und Feuer steigt dir in die Nase. Und es riecht nach Farbe, nicht nach steriler, langweiliger Anstreichfarbe, nein, es ist ein anderer Geruch. So, als würde man Farben riechen können, ohne sie zu sehen.
Mir geht es manchmal so ähnlich, wenn ich frisch aufgebrühten Kaffee rieche. Plötzlich sehe ich die mokka-braune Farbe vor meinem geistigen Auge. Aber nicht nur das, auch die dazu gehörigen Gefühle durchströmen mich in so einem Moment. Dieses Gefühl von „endlich Feierabend“, dieses Gefühl von „gemütlichem Beisammensein“, dieses Gefühl von „morgendlicher Stille“.
Geht es dir auch manchmal so?
Also du riechst diese Farben, du riechst das Bunt, welches sich noch vermischt mit sanften, kaum spürbaren, fruchtig-orientalischen Düften.
Alles in Allem sind es fremde Gerüche, genauso wie die Klänge, die deine Ohren umschmeicheln. Angenehme Klänge. Keine Musik, die im Radio den ganzen Tag hoch und runter leiert. Sie werden auch nicht unterbrochen durch Werbung, die aggressiv dein Gehirn martert. Klänge, die deinen Körper innerlich hin und her wiegen, so wie es passiert, wenn dich zwei liebende Arme umfassen.
Deine Augen allerdings haben das Gefühl, vor lauter Eindrücken erst einmal überfordert zu sein. Sie wissen überhaupt nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen. Ein entspanntes Verweilen kommt vorerst nicht zustande.
Vor lauter optischen Inputs wünschten sich deine Augen am liebsten zu fünft oder sechst zu sein. Nun ja, das ist auf die Schnelle nicht zu bewerkstelligen, aber mit etwas Zeit gewöhnen sich deine Augen bestimmt an das scheinbar gewollte Chaos der Eindrücke. Genau die Zeit, die deine Augen benötigen, wenn sie sich an die Dunkelheit gewöhnen müssen.
Und nach einer Weile stellst du fest, kein ungewolltes Chaos ist es, was dir entgegen springt. Eher eine Art von gewollter Unordnung. Viele kleine Dinge, die wie unachtsam abgelegt wirken, doch trotz allem sofort erkennen lassen, welche Bedeutung sie haben oder einmal hatten.
Dir fallen die Augen auf. Nicht die Augen der Künstlerin, nein. Es sind die vielen Augen, die dich aus den Bildern heraus beobachten.
Aber bleiben wir doch vorerst bei den Augen der Künstlerin. Denn diese halten dich mit ihrer Tiefe gefangen. Sie erzählen von Dingen, über die der Mund nicht sprechen mag. Sie erzählen von Dingen, die einmal großen Schmerz verursacht haben, von Tränen erzählen sie, die fließen, auch wenn sie niemand sieht.
Von einer enormen Kraft berichten sie dir, die nötig wurde, um über die vielen Steine, Klippen und Schluchten zu springen, bis die Seele dort angekommen ist, wo sie hingehört.
Von einer enormen Kraft berichten sie dir, die nötig wurde, um über die vielen Steine, Klippen und Schluchten zu springen, bis die Seele dort angekommen ist, wo sie hingehört.
Für die Augen, die dich aus den Bildern heraus beobachten musst du dir Zeit nehmen. Betrachtest du sie eine Weile und versinkst in ihnen, dann kannst du dich im Irrgarten deiner Gefühle schnell verlaufen. Diese Blicke, die auf dir ruhen, sie stellen dir so viele Fragen und gleichzeitig stellen sie so viel in Frage. Sie geben dir Rätsel auf über dich selbst und wenn du lange genug in ihnen ruhst, geben sie dir vielleicht auch ein paar Antworten.
Im hinteren Raum, eine ehemalige Backstube, werden heute Geschichten aus 1001-Nacht vorgelesen. Die Stimme der Vorleserin hat einen leichten Dialekt, aber das stört dich nicht. Die Erzählerin wirkt dadurch irgendwie authentischer und hilft dir, dich nicht allzu fremd zu fühlen.
Du hörst ihr zu und vertiefst dich in fremde Sitten und Bräuche, in alte Geschichten und wirst zurück in deine Kindheit versetzt.
Manche Textpassagen lassen erkennen, wie sehr die Erzählerin gerade diesen einen Satz, diese eine Zeile liebt und du lässt dich anstecken von der Begeisterung, von dem Geheimnisvollen dieser Geschichte.
In der Pause haben sich deine Augen schon an das stimmungsvolle Schummerlicht gewöhnt und nun gehen deine Blicke nochmals auf Entdeckungsreise. Ein gemaltes männliches Gesicht, versteckt hinter einem drapierten Tuch lässt dich neugierig werden. Oder eine Muschel, die wie verloren auf dem Tisch liegt. Du bewunderst die geflochtene Wäscheleine, die jetzt wie ein schweres Tau an der Wand hängt …
Jedes einzelne Detail kommt jetzt klar und deutlich bei dir an und lässt dich in jedem einzelnen Moment gedankenverloren innehalten.
Als das vorgelesene Märchen zum Ende kommt und die Gäste sich aufs Heimgehen vorbereiten, hast du das Gefühl, dass alle ein wenig langsamer, gelassener geworden sind und auch bei dir hat sich diese Gelassenheit eingestellt.
Deine Schritte auf dem Heimweg hallen wieder einsam über die Pflastersteine. Aber sie sind nicht einsam, jetzt werden sie begleitet von einem warmen Wohlgefühl, einer leichten Beschwingtheit von dem Wissen, dass es doch wirklich auch schöne Dinge im Leben gibt …
Verstehst du jetzt, wie gern ich durch das herrliche Portal schreite? Kannst du nachvollziehen, dass ich meinen Dom gefunden habe?
Und dein Dom? Hast du ihn schon gefunden oder bist du noch auf der Suche?
Donnerstag, 7. Februar 2019
die Kunst, von einer Schneeflocke zu lernen ...
Wochenlang war es nun schon ein Winter, wie er trüber nicht sein kann. Stumpf, farblos und nass. Kein einziger Sonnenstrahl konnte die Mauer aus Wolken, die einem Klumpen aus feuchtem Filz ähnelten, durchbrechen.
Und
dann kam endlich das, was man im Allgemeinen als Winter bezeichnete. Es
schneite dicke, flauschige Schneeflocken. Sie fielen sanft. Schlagartig wurde
die Welt ein bisschen stiller, ein wenig ruhiger, etwas friedlicher. Ihre
Chance spürend, kämpfte auch die Sonne sich nun sogleich durch die aufgerissene
Wolkenfront.
Ich
stand da, mit geschlossenen Augen und streckte mein Gesicht der Wärme entgegen.
Geduldig,
mit einer mir unbekannten, seltsam anmutenden Gewissheit, dass mich jeden
Augenblick eine Schneeflocke streicheln würde.
Wie
ein unbedarftes Kind, voller Erwartung auf das kleine Weltenwunder.
An
meinen Halswirbeln spürte ich sofort,
wie selten ich doch meinen Blick auch mal nach oben wandte. Zu oft, viel zu oft
ziehen sorgenvolle Gedanken den Kopf nach unten.
Mir
schoss plötzlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen wieder eine Textpassage aus einem Lied meiner Jugend von Veronika
Fischer durch meinen Kopf.
Die
Textzeile lautete: „ … käm ich auf die
Stirn dir so schwer. Das die Wärme deiner Haut mich aufgetaut. Und ich fließ
durch dein Gesicht, tränengleich und wie ein Spiegel klar …“
Und ich dachte nur so bei mir, dass jemand beim Schreiben dieses Textes bestimmt ebenso das Gesicht gen Himmel gestreckt hat um auf die erste Schneeflocke zu warten, die dann schwebend tänzelnd auf der Stirn ihren letzten Platz fand, ebenso, wie es gerade bei mir geschieht.
Das
kleine kühle Nass ist zu spüren und die Stelle fühlt sich wie entspannt an. Es
dauert gefühlt viele lange Sekunden, bis aus dem Schneeflausch ein kleiner
Rinnsal entsteht, der sich seinen Weg durch mein Gesicht sucht.
Das
tut gut. Ein schönes Gefühl, so voller Selbstvergessenheit. Als wenn die Welt
schrumpft und nur noch die Schneeflocke und ich den Lebensfilm weiter drehen.
Ich
spüre, dass ich diesen Moment für ewig festhalten möchte, diesen Augenblick
immer und immer weiter spüren möchte. Alles in mir schreit nach „MEHR“.
Mir
wird bewusst, dass das genau so ein Moment ist, an dem wir anfangen, auf die
Suche zu gehen. Auf die Suche nach dem „MEHR davon“, weil wir ständig das
Gefühl in uns spüren, nicht genug davon zu bekommen.
Und
was machen wir? Wir suchen nach Lösungen, die uns Befriedigung verschaffen. Wir suchen nach Ersatzbefriedigungen, die uns wie eine Lösung erscheinen.
Wir
schauen uns vielleicht um und suchen nach größeren, schöneren Schneeflocken.
Wir rennen ihnen nach, wollen sie einfangen, vielleicht sogar ganz viele auf
einmal.
Kann
sein, dass wir sogar in Nachbars Garten schauen, ob es dort nicht eventuell
bessere gibt.
Gut
möglich, dass wir auch auf die Idee kommen, die Schneeflocken einzufrieren, um
auch später noch ganz viel davon zu haben.
Auch könnte man ins nächstgelegene Einkaufscenter fahren, um nach Ersatz
aus Plastik zu suchen.
Egal
was es ist, wir strotzen nur so voller aktiver Regsamkeit, nur um diesen einen
schönen Moment in uns zu spüren. Nur um das zu spüren, wonach es uns so sehr sehnt.
Über
die, die eine schönere Schneeflocke haben als wir, fangen wir an zu nörgeln.
Wir grübeln darüber nach, warum die und nicht wir und darüber, ob sie es
überhaupt verdient hätten und warum sie es nicht verdient haben.
Und
voller krankhaftem Neid verpassen wir
dadurch das nächste Schneeflöckchen, was auf unser Gesicht fallen möchte.
Schlimmer
noch ist, dass wir vielleicht denken, dass wir gar keine Schneeflocken auf
unserem Gesicht verdient haben oder aber, dass so eine Schneeflocke überhaupt
kein Grund ist, so einen Aufstand zu machen, weil es viel wichtigere Dinge im
Leben gibt.
Was
für ein ermüdender Energieverlust, dieses Streben nach dem „MEHR davon“.
Und
mir kommt in den Sinn, ob es nicht viel einfacher wäre ohne sinnlosem
Aktivismus einfach den Moment zu genießen. Einfach darauf zu vertrauen, dass
immer wieder mal so ein kleiner Augenblick kommen wird und man dann darauf
vorbereitet ist, um ihn mit seiner vollen Lebensenergie zu genießen?
Noch
wichtiger scheint es mir aber, so einem schönen Augenblick nicht nachzutrauern.
Es geschieht, es geschah … etwas anderes wird von neuem geschehen.
Nicht
danach suchen, sondern mit der Gewissheit, dass es kommt, darauf warten.
Nicht
nach Besserem schauen, sondern diesen Moment als das Beste annehmen.
Nicht
den Verlust beklagen wenn es vorbei ist, sondern dankbar sein für diesen
Augenblick.
Also
stehe ich da, empfange die Schneeflocken auf meinem Gesicht. Spüre mein „ICH“
und wie die Sorgenfalten meiner Stirn sich glätten. Genieße das kühlende Nass
und jeden Millimeter, der mit Feuchtigkeit durchdringt wird. Genieße meinen
ruhigen tiefen Atem.
Und
schlagartig werde auch ich ein bisschen stiller, ein wenig ruhiger, etwas
friedlicher …
Freitag, 18. Januar 2019
Schwäche
Wie im Nebel die Gedanken,
die Bewegung wie im Trance.
Kein Echo auf Geräusche,
die Wände vor ihr fangen an zu schwanken.
die Bewegung wie im Trance.
Kein Echo auf Geräusche,
die Wände vor ihr fangen an zu schwanken.
Der Körper friert im Sonnenschein,
die Seele schreit ohne Tränen laut.
Die Füße wissen nicht wohin
und wo sie auch ist, fühlt sie sich allein.
Das Herz so schwer,
vor den Augen das Ziel so blass.
Suchende Hände finden keinen Halt.
Zum Stark sein hat sie die Energie nicht mehr.
Die Kraft eines Schneeglöckchens wünschte sie zu haben,
so euphorisch aufzubrechen in eine ungewisse kalte Zeit.
Den Mut eines Vogels möcht' sie heut' besitzen,
sich so vogelfrei an den wenigen Sonnenstrahlen zu laben.
Samstag, 22. Dezember 2018
Weihnachten
Zu viele sich berauschen am Kaufen,
dem Konsum-Glück ferngesteuert nachlaufen,
vor lauter übertriebenem Schenken und Fressen,
das Wichtigste an Weihnachten vergessen.
Das ist doch echt zum Haare raufen!
Sonntag, 25. November 2018
In einer Sekunde ...
in einer Sekunde ist meine
Stimmung hin.
Gerade noch in einer gefühlten
Tiefenentspannung, einem kleinen Hauch von Wohlgefühl, eine kleine Andeutung nur von der viel zu selten
aufkommenden inneren Ruhe … alles weg.
„SIE“ sagen immer, ich solle
unter Leute, ich solle das Leben genießen, mir was Gutes tun. Oh man, „DIE“
haben ja keine Ahnung wie schwer das ist.
Aber trotz allem habe ich etwas
entdeckt für mich, was all „IHRE“ von mir geforderten Prämissen erfüllt. Line
Dance! Hier komme ich unter Leute, auch ohne ihnen zwangsweise zu nahe kommen zu
müssen. Und es tut mir tatsächlich gut, mich auf meine Schritte zu
konzentrieren und mal nicht, wie sonst immer, meinen Grübeleien nachzuhängen
und, ihr werdet es nicht glauben, manchmal komme ich sogar an einen Punkt, der
irgendwie auch etwas mit Genuss zu tun haben könnte.
Wer von Line Dance nur mal so
nebenbei was gehört hat oder es nur mal kurz gesehen hat, läuft ganz schnell
Gefahr, diese Art von Bewegung leicht hochnäsig ab zu tun mit Kinderkram. Keine
Panik, ihr braucht jetzt kein schlechtes Gewissen zu haben, das hatte ich nämlich
auch am Anfang gedacht.
Wie schwer es allerdings ist,
sein Gehirn und seine Beine zu koordinieren, hatte ich bei Weitem nicht geahnt.
Die Schrittfolgen, die Schrittkombinationen sind mit ihrer Komplexität nicht im
Geringsten mit einem Walzer oder ähnlichen Standard-Tänzen zu vergleichen.
Der Zählrhythmus 1-2-3 erhöht
sich mal eben ganz schnell auf 1-2-3-4-5-6-7-8. Rein rechentechnisch
betrachtet, erhöht sich so logischer Weise auch sofort die potentielle
Möglichkeit des über seine eigenen Füße Stolperns.
Naja, der Vorteil beim Line
Dance liegt klar auf der Hand, man
stolpert nämlich zum Glück nur über seine eigenen Füße und läuft nicht Gefahr,
noch irgend einem Tanzpartner Verletzungen zuzuführen. Jedenfalls scheint in
mir irgendwie die Synapse zwischen Gehirn und Füßen eingeschlafen zu sein. Oben
richtig gedacht, unten in die falsche Richtung gedreht oder oben einen völligen
Blackout und unten stapfen die Füße nur hin und her um überhaupt irgendetwas zu
tun.
Tja, da kann man nur eins machen,
sich über seine eigene Dummheit ärgern wie immer, aber blöderweise ist dafür
gar keine Zeit, oder aber man schaut schnell auf die anderen und stellt zufrieden
fest, dass es ihnen keinesfalls besser geht. Irgendwann habe ich mich nach der
3. oder 4. Trainingseinheit für Letzteres entschieden.
Die Vorletzte von den 8
Schnupper-Einheiten begann. Der Sportraum ist groß genug, dass sich unsere fast
20 Teilnehmerinnen gut verteilen können und so habe ich immer die Möglichkeit,
auf die eine oder andere Gruppe zuzugehen oder für mich zu bleiben. Von weitem
ein Hallo oder ein Lächeln bekommen sie ja deswegen trotzdem von mir und schon
lange habe ich es mir abgewöhnt, darüber nachzudenken, ob sie mich für
eingebildet halten. Ich weiß, ich bin es nicht! Ich weiß, es hat andere Gründe.
Es geht los, wir stellen uns auf
in 4 Reihen, immer personenversetzt, jeder den Blick in Richtung des großen
Spiegels, was mir persönlich noch sehr schwer fällt. Also dieser Blick in den
Spiegel, nicht das Aufstellen in eine Reihe, sich „einfügen“ konnte ich ja
schon immer perfekt. Der erste Tanz, „electric Slide“, wird angesagt und gleich
rattert es in meinem Gehirn und die Schritte dieses Tanzes wollen einfach nicht
als geistiges Bild vor meinen Augen erscheinen. Da es den meisten von uns ebenso
geht und unsere Trainerin diese Anfängerproblematik kennt, zeigt sie uns die
für diesen Tanz erforderlichen Schritte noch einmal langsam in einer
Trockenübung.
Ach sooooooooooooooooooooo … Hand-auf-die-Stirn-schlag …
Gut, die Schritte sind jetzt im
Gehirn angekommen, was allerdings nicht unbedingt zur Folge hat, dass auch die
Füße schon Bescheid wissen. Davon ganz zu Schweigen, dass aus der langsamen
Trockenübung die Beiden gemeinsam auch noch das gerade Wiederholte in den
schnelleren Rhythmus der Musik umsetzten müssen.
1-2-3-4 Uuuuups, falsche
Richtung, verdammt. Dann einfach hin und her tapsen bis zur 8 und wieder neu
einsteigen. 1-2 oh verdammt, auf die Tänzerin neben mir geschaut und jetzt
stolpert sie und ich bin raus. Ein Lächeln wechselt unseren Blick, mehr Zeit
ist nicht, schon kommt die 8, eine neue Chance für uns. Ein paar Mal geht das
so, bis … ja bis es kommt, dieses Gefühl. Der Automatismus stellt sich und ich
gerate in eine Art Flow. Gerade denke ich noch, wie schön das sich doch anfühlt,
und als ob dieser Gedanke für mein Gehirn ein Gedanke zu viel ist, bin ich
wieder raus.
Bis zum Ende des Liedes haben wir
es aber wie immer alle geschafft, eine Art Einheit zu bilden, was der Blick in
den großen Spiegel vor uns verrät.
Habt ihr euch schon einmal
gefragt, warum die Passagiere im Flugzeug immer nach der Landung klatschen und
euch geschworen, diesen Blödsinn nicht mitzumachen wenn es so weit ist. Und
dann ertappt ihr euch bei eurer nächsten Landung dabei, dass ihr wie
hypnotisiert mitklatscht, weil ihr doch innerlich abfeiert, wieder unten
angekommen zu sein und diese innerliche Erlösung einfach raus muss???
Naja, wir klatschen also auch
immer alle, wenn wir einen Tanz zusammen „überlebt“ haben … ein befreiendes
Gefühl.
Der nächste Tanz wird angesagt. „the
beautiful day“! Und glaubt mir, alles geht von vorne los. Wo vorher die Füße
zum Beispiel 2x nach rechts und 2x nach links schleichen mussten, müssen meine
Füße nun 1x nach rechts doppelhüpfen und dann 1x nach links. Mein Gott, wie
soll ich denen da unten das denn in so kurzer Zeit klar machen … nun gut, wie
wir nun alle schon ahnen, geht es den anderen zum Glück ebenso.
Nach dem zweiten Tanz ist das
Gehirn noch nicht völlig „Banane“ und so studieren wir nun die Schritte für
unseren neuen Tanz „cotton eye Joe“ ein. Zumindest versuchen wir es, das wird
wohl noch ein paar Einheiten brauchen, bis wir den intus haben.
Zum Abschluss noch zwei Tänze,
die wir schon können (ehhhh, kennen meine ich, nicht können), was aber nicht
bedeutet, dass wir hier auf obigen Ablauf verzichten. Nein, nein .. wir
stolpern uns wie immer schön rein in die Tänze in der Hoffnung, der Flow erreicht
uns auch zu „lindi shuffle“ und „copperhead road“.
Geschafft, völlig durchgeschwitzt
und durstig, Zehen und Füße aber Gott sei Dank alle noch dran, sitzen wir auf
unseren Stühlen. Die Gehirne geben Rauchzeichen im Sinne „Man bin ich platt, du
auch?“ ab. Hüfte, Knie und Knöchel pochen leise den Vorwurf „Muss das denn
immer sein!“ im Takt vor sich hin. Langsam erwacht der Raum und die ewig Unruhigen
und viel zu Lauten (vielleicht sind es aber auch nur die Lebenslustigen) unter
uns beginnen sogleich, der erschöpften Stille wieder Leben einzuhauchen.
Und schon stürzen zwei
Tänzerinnen aus einem laut schnatterndem Grüppchen auf die Trainerin zu. Überschwänglich
gestikulierend erklären sie ihr, dass wir unbedingt in der nächsten
Trainingseinheit den Tanz „black coffee“ einstudieren müssen, weil, sie hätten
gehört, der würde unheimlich Spaß machen.
Ich bin leicht genervt. Genervt
davon, dass wieder einmal eine ganze Gruppe das machen soll, was 3 – 5 Personen
wünschen. Aber noch bekomme ich mich in den Griff. Ist ja eigentlich auch egal
was ich lerne, jeder neue Tanz ist neu und jeder neue Tanz wird schwer zu
lernen sein, was soll`s also. Keep cool.
Die Trainerin ist damit
einverstanden, die anderen werden gar nicht erst gefragt, was auch sonst. Und
schon läuft die Musik und wir schauen alle gebannt auf die neuen Schrittfolgen,
die unsere Trainerin mit einer uns noch fremden Leichtigkeit vorführt.
Beim Zuschauen nehme ich das vorher
so enthusiastische Grüppchen war, dummerweise nehme ich immer mehrere Dinge
gleichzeitig war, und bemerke, wie sie sich angeregt unterhalten. Diese
Beobachtung veranlasst mein Gehirn dazu, seine Prioritäten zu verschieben und
die Gedanken haben kein Halten mehr.
Ich verstehe nicht, wie man so
unhöflich sein kann und sich laut schnatternd und kichernd unterhalten kann,
obwohl jemand da vorn wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit verdient hat. Und
ich verstehe nicht, warum man erst riesiges Interesse an einem bestimmten Tanz
signalisiert um dann völlig unbeteiligt am eigentlichen Geschehen zu sein.
Dieses Verhalten ärgert mich,
regt mich total auf. Aber ich kann sie in dieser Situation auch nicht darauf
ansprechen. Dann müsste ich mich ja in den Mittelpunkt stellen. Dann würde ich
auch Gefahr laufen, nicht verstanden zu werden von diesem Grüppchen oder den
anderen. Sätze wie „Mein Gott, die hat sich aber wieder!“ rauschen durch meine
Windungen und ich bleibe stumm und starr.
Und ich ärgere mich weiter, ich
ärgere mich noch zu Hause, ich ärgere mich auch noch 1 ½ Wochen später darüber,
über dieses Grüppchen und über mich, weil ich nichts dagegen gemacht habe und
weil ich es wieder einmal so an mich ran gelassen habe – so sehr, dass ich zu
dem Schluss komme, zu dem ich wohl meistens komme. Ich gehe einfach nicht mehr
hin, dann brauche ich mich nicht mehr über andere Leute oder über mein eigenes Fehlverhalten zu
ärgern. Punkt!
Dieses „BEI-SICH-BLEIBEN“, dieses „NICHT-MEIN-AFFE-NICHT-MEIN-ZIRKUS“
… ich krieg das einfach nicht gebacken.
Und so passiert es mir immer
wieder - in einer Sekunde … ist meine
Stimmung hin.
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